• Tim Nau

Schichtwechsel - Spielefaible

Schichtwechsel – Liebe nach der zweiten Schicht

„Schichtwechsel“, bei Spielefaible erschienen, ist ein Worker-Placement-Spiel für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren von Thomas Spitzer.


Schon das Cover strahlt Nostalgie pur aus!

Im Jahre 1950 befindet sich Deutschland im Wiederaufbau. Die Steinkohle ist wichtiger denn je und ihr Abbau entscheidend für den wirtschaftlichen Aufschwung im Land.


Wir sind als Besitzer eines Steinkohlebergwerks verantwortlich für Förderung, Weiterverarbeitung und Verkauf mit dem Ziel, der erfolgreichste Zechenbetrieb zu werden.


Ein Blick in die Spieleschachtel

Das Spielmaterial ist gut. Beim ersten Blick auf das Spielbrett musste ich mich erst einmal kurz schütteln, denn es kam mir wie ein Wimmelbild aus einem Buch meines Sohnes vor. Mit genauerem Hinsehen sammelt das Spiel dann auch schon die ersten Pluspunkte aufgrund der Detailverliebtheit. Diese setzt sich bei den tollen Spielertableaus fort – diese sind wirklich exzellent und mir gefällt vor allem, dass der Ablauf der Vorbereitungsphase dort dargestellt ist. So kann nichts vergessen werden. Des Weiteren haben alle Pappmarker haben eine angenehme Dicke und die Holz-Figuren fühlen sich gut an. Lediglich die Karten hätten gerne etwas dicker sein gedurft.

Die Anleitung ist verständlich geschrieben. Man muss diese allerdings schon konzentriert lesen, um alles richtig zu verstehen.


Das Spielsystem

Das Spielsystem sehr verständlich und der Aufbau benötigt auch nicht viel Zeit. Für eine detaillierte Regelerklärung sollte man sich schon eine knappe halbe Stunde Zeit nehmen. Dann kann aber schnell mit dem Spiel begonnen werden.


Bevor ich ein wenig detaillierter auf den Ablauf eingehe möchte ich euch kurz was zum Einsatzsystem und den Karten sagen. Das Spiel ist an sich ein klassisches Worker-Placement-Spiel. Eure Worker sind in diesem Spiel DM-Münzen, ein persönlicher Aktionsstein in eurer Spielerfarbe und weiße Aktionssteine. Dies ist auch die Reihenfolge der Wertigkeit und ihr könnt einen höherwertigen Stein bzw. die Mark auf geringer wertigen Feldern einsetzen. Der Einsatz erfolgt auf den Aktionskarten, von denen je nach Spieleranzahl eine unterschiedliche Anzahl ausliegt. Wenn diese einen weißen Rand haben dann darf die Karte mehrfach, auch durch den gleichen Spieler, besetzt werden. Karten mit dunklem Rand hingegen dürfen nur einmal genutzt werden. Beachtet außerdem noch das Kopierschutzsymbol auf einigen Karten.


Eine wichtige Rolle spielen auch noch eure Zechenhäuser. Diese spielt ihr frei, wenn ihr bestimmte Punkte auf den Strecken überschritten habt. Hierdurch erhaltet ihr mehrere Vorteile. Ihr spielt, je nach eingesetztem Zechenhaus, einen Bonus aus, den ihr in Phase 6 der Vorbereitungsphase erhaltet. So könnt ihr, zum Beispiel, euer Grubenwasser senken, einen weißen Aktionsstein erhalten oder ein Feld auf der Straße weiterziehen. Des Weiteren platziert ihr das Zechenhaus entweder in der Mitte des Spielbretts und erhöht dadurch die Schrittzahl eures Bergmanns bei seiner Schicht oder platziert es auf eines der 7 Baugrubenfelder. Beachtet hier unbedingt die Limitierung bei 2 oder 3 Spielern. Die Auswertung erfolgt immer erst am Spielende. Je nach Wahl erhaltet ihr, zum Beispiel, Siegpunkte, könnt Werkzeugmarker in den allgemeinen Vorrat zurücklegen oder freie Verladeaktionen durchführen. Insbesondere letzte Aktion ist sehr stark – allerdings müsst ihr dann auch eure Spielweise darauf ausrichten.


Der Spielablauf unterteilt sich in drei Phasen – die Vorbereitungsphase, die Aktionsphase und die Rundenauswertung.


Die Vorbereitungsphase besteht aus 6 kleinen Teilaktionen.


Als erstes wird der Beutel mit einer Kohle und einem Abraum je Spieler gefüllt. Nun zieht der Startspieler je Spieler drei Cubes aus dem Beutel. Diese darf er an die Spieler verteilen. Unterschätzt in diesem Spiel die Bedeutung des Startspielers nicht. Es lohnt sich die Aktionskarte "Startspieler" zu nutzen auch wenn diese den eigenen Aktionsstein kostet. Neben dem Startspieler-Marker erhält man ja auch zusätzlich noch eine Kopieraktion. Die erhaltene Kohle bzw. den Abraum platzieren die Spieler nun in ihren Loren.

Spielbrett mit Wimmelbild-Charakter

Anschließend nimmt sich jeder Spieler ein Auswahlplättchen und führt die obere Aktion durch. So könnt ihr, zum Beispiel, euer Grubenwasser senken oder Abraum oder Kohle auf eine Lore legen. In der ersten Runde beginnt der Spieler rechts vom Startspieler, was den Startspielervorteil zumindest ein wenig ausgleicht. In den nächsten Runden hat immer der Startspieler das Erstwahlrecht. Niemals kann ein Plättchen zweimal hintereinander genutzt werden, da man zuerst wählt und das Plättchen der vorherigen Runde dann zurücklegt.


Nun steigt das Grubenwasser eines jeden Spieler. Dies müsst ihr immer im Auge behalten. Vor allem deshalb, weil es auch noch durch einige Aktionen ansteigt und ihr einen Werkzeugmarker erhaltet, wenn ihr ganz oben angelangt seid – und das geht sehr schnell. Für jeden Werkzeugmarker den ihr am Spielende noch besitzt werden euch 2 Siegpunkte abgezogen.


Im vierten Schritt der Vorbereitungsphase geht es nun an den Erhalt der weißen Aktionssteine. Von diesen könnt ihr in diesem Schritt 3 erhalten und zwar einen für jedes nicht verdeckte Feld mit weißem Aktionsstein. Von diesen befinden sich 2 auf eurem Spielertableau (Grubenwasser und Kohlewaggons) und eines in der Zentralkokerei.

Tolle Spielertableaus - im rechten Bereich sind die 6 Aktionen der Vorbereitungsphase übersichtlich dargestellt

In diesem Schritt könnt ihr Koks, aber nur paarweise, verkaufen. D. h., wenn ihr zu Beginn dieses Schrittes 2 Koks auf diesen Feldern habt, dann verschiebt ihr diese in den Bereich darunter. Dies bringt euch dann die Siegpunkte am Spielende und ihr erhaltet sofort 1 DM und einen weißen Aktionsstein.


Im letzten Schritt der Vorbereitungsphase könnt ihr nun die Effekte eurer freigeschalteten Bonusfelder nutzen. Diese schaltet ihr durch Platzierung von Zechenhäusern frei.


Auf die Vorbereitungsphase folgt dann die Aktionsphase, die natürlich das Herzstück des Spiels ist. Um eine Aktion auszuführen legt ihr einfach einen Aktionsstein oder eine Mark auf die entsprechende Aktionskarte. Anschließend ist der nächste Spieler am Zug. Dies geht nun reihum, bis alle Spieler gepasst haben.


Nachfolgend möchte ich euch kurz die Aktionen vorstellen.


Wir durchlaufen immer wieder den Ablauf vom Abbau der Kohle, über die Produktion zum Koks und dann hin zum Verkauf. Dies geschieht über die Loren-, Kokerei- und Verladeaktionen. Bei diesen Aktionen gilt es immer genau zu überlegen, denn es gibt die Aktionen in unterschiedlicher Stärke. So zum Beispiel die Lorenaktion. Bei 2 und 3 Spielern könnt ihr entweder die große oder die kleine Aktion durchführen. Die große Aktion kostet euch euren persönlichen Aktionsstein, wohingegen die kleine Aktion nur einen weißen Aktionsstein kostet. Dafür könnt ihr bei der großen Aktion das Grubenwasser senken und 1 bis 4 komplette Loren fördern, wohingegen bei der kleinen Aktion das Grubenwasser steigt und ihr nur 1 oder 2 komplette Loren fördern könnt. Hinzu kommt eben auch noch immer, dass einige Karten nur einmal besetzt werden dürfen.


Des Weiteren gibt es noch die Streckenaktionen. Diese solltet ihr nicht unterschätzen, denn neben Siegpunkten erhaltet ihr auch immer wieder Boni, die euch tolle Vorteile bringen.


Weiter geht es mit den Bergmann-Aktionen. Hier bewegt ihr euren Bergmann auf seiner Schicht immer weiter in Richtung Zechentor und auf jedem Feld erhaltet ihr sehr interessante Boni. Erfahrungsgemäß wird diese Aktion, aufgrund der sehr hohen Kosten, eher selten genutzt.


Dann wären da noch die Grubenwasser-Aktionen, mit denen ihr euer Grubenwasser senkt. Vor allem in Partien mit zwei oder drei Personen ist dies eine immer heiß umkämpfte Aktion, da es nur eine Aktionskarte gibt, die auch noch dunkel umrandet ist.


Der Spielplan-Bereich für die Förderturm-Aktionen

Eine besondere Rolle spielt dann noch die eigene Aktionskarte. Durch diese könnt ihr das Grubenwasser senken. Des Weiteren sind aber auf der Karte noch 2 Fördertürme platziert. Sobald ihr einen Turm freigespielt habt, setzt ihr diesen auf den Spielplan und könnt von nun an auch die Förderturm-Aktion nutzen. Setzt ihr einen Förderturm ein, so wird auch noch ein Schienenfeld freigespielt. Ich persönlich habe die Förderturm-Aktionen nie genutzt, da ich immer die Bergmann-Bewegung als Bonus genommen habe, weil mir der Bonus besser gefällt und mir die eigentliche Förderturm-Aktion viel zu teuer ist.


Den Abschluss bildet dann die Rundenwertung. Von den insgesamt 6 zur Verfügung stehenden Wertungskarten kommen immer 5 in das Spiel. Hier gibt es immer Siegpunkte in Abhängigkeit vom Erfüllungsgrad. Des Weiteren kommt aber auch, zum Beispiel, ein blauer Cube in den Beutel und kann von nun an gezogen werden. Der Spieler, der diesen „erhält“ muss dann sein Grubenwasser um 1 erhöhen.


Nach Wertung der 5. Runde erfolgt dann noch die Schlusswertung. So erhaltet ihr noch Siegpunkte in Abhängigkeit eurer Position auf Straße, Schiene und Kanal, Siegpunkte aufgrund platzierten Zechenhäuser in den Baugruben, Siegpunkte für verkauftes Koks und für den Startspieler-Marker.


Die optimale Spielerzahl

Das Spiel ist konzipiert für 2 bis 4 Spieler. Die Anpassungen führen dazu, dass das Spiel in jeder Größe gut funktioniert und großen Spaß macht.


So werden bei 2 und 3 Spielern Felder bei der Schicht des Bergmannes und bei der Zentralkokerei abgedeckt, es dürfen nicht alle Felder auf den Baugruben besetzt werden und es wird mit einer unterschiedlichen Anzahl an Kohle und Abraum im Beutel gestartet. Wesentlichste Anpassung sind natürlich die Aktionskarten.


Egal in welcher Besetzung benötigt ihr ca. 60 bis 90 Minuten pro Partie.


Fazit

Als „Kind des Ruhrpotts“ welches seine Wurzeln in Bochum hat, war ich Feuer und Flamme, als ich von diesem Spiel das erste Mal gehört habe. So war meine Freude riesig, als ich es im Rahmen der Neuheitenschau in Essen zum ersten Mal gesehen und erklärt bekommen habe. Das Problem bei einem derartigen Hype ist nur, dass das Spiel dann den großen Erwartungen erst einmal gerecht werden muss. So hatte es „Schichtwechsel“ wahrscheinlich bei mir schwerer als andere Spiele.


Und tatsächlich überwog nach der ersten Partie auch die Enttäuschung. Der Funke wollte einfach nicht so überspringen und es kam mir einfach nur mechanisch vor. Doch bereits im Rahmen der zweiten Partie wurde mir immer klarer, worauf ich achten muss, wie ich die einzelnen Aktionen miteinander kombinieren kann und welche weiteren Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen.


Im Kern ist das Spiel ein ganz klassisches Worker-Placement-Spiel. Ihr setzt also einen passenden oder eben höherwertigeren Stein auf die Karte mit der Aktion, die ihr durchführen wollt. Doch es gibt zwei Faktoren, die dies System hier sehr stark machen und dafür sorgen, dass ihr auch einiges an Gehirnschmalz investieren müsst und sehr taktisch spielen könnt. Zum einen gibt es eben Karten, die mehrfach „besetzt“ werden können und zum anderen eben auch Karten, die nur ein Spieler benutzen darf. Des Weiteren gilt es immer wieder zu überlegen, welche der Karten der entsprechenden Aktion ihr nun nutzen möchtet. Soll es nun nur die kleine Aktion sein oder doch lieber die große Aktion? Ihr habt nur einen persönlichen Aktionsstein und die Deutsche Mark ist eine sehr begrenzte Ressource, die ihr zudem, auch noch für die Bergmann-Aktionen benötigt.


Ein Kritikpunkt ist wohl die etwas fehlende Variabilität des Spiels. Es ändert sich nämlich lediglich die Kohle-Abraum-Kombination die ihr zu Beginn eures Zuges erhaltet und die Rundenwertungen finden in unterschiedlicher Reihenfolge statt. Dies führt auf der einen Seite dazu, dass „Schichtwechsel“ eine enorme Lernkurve besitzt und ihr immer besser werden könnt aber auf der anderen Seite dazu, dass es eben nach einer gewissen Zeit routiniert abläuft und ihr euer Spiel „runterspielt“. Mit ein wenig mehr Rundenwertungs-Markern und vielleicht sogar Marker bei den Schienen-, Straßen- und Kanalfeldern hätte man hier Abhilfe schaffen können. Doch dies führt nur dazu, dass es eben kein Spiel ist, welches jedes Wochenende auf dem Tisch landet. Doch welches Spiel tut dies schon bei der Anzahl an Spielen, die es auf dem Markt gibt.


Ein paar Abzüge gibt es auch bei der B-Note. So hätte die Unterscheidung zwischen Siegpunkten und Münzen gerne deutlicher sein gedurft (so kommt es doch öfter zur Verwechslung), ob ein Werkzeugplättchen nun durchgestrichen ist oder nicht, ist nur mit genauerem Hinsehen zu erkennen und auch die rote Umrandung beim Grubenwasser ist nur schwer zu erkennen. Ansonsten ist die Ikonografie aber sehr gelungen und spätestens bei der dritten Partie braucht man die Anleitung nicht mehr.


Auch wenn der klare Fokus auf dem Verkauf des Koks liegt, so muss es aufgrund der Thematik auch sein, gibt es durchaus andere Taktiken, die zum Erfolg führen können. So könnt ihr auch gewinnen, wenn ihr weniger verkauft als eure Gegenspieler und euch dafür auf das Weiterkommen auf der Straße, den Schienen oder dem Kanal konzentriert. Ein wenig schade ist es, dass die Aktion des Bergmanns hingegen eher seltener genutzt wird. In noch keiner einzigen meiner gespielten Runden, sind Spieler in ihrer Schicht weitergekommen als bis zum Schichtbeginn. Dies liegt natürlich an den Kosten.


Insgesamt eine klare Empfehlung für alle Fans von Worker-Placement-Spiele.


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